Geschichte(n) bewahren
Von Dr. Lydia Niehoff, Wirtschaftswissenschaftlerin
»Um zu überleben, muss der Kaufmann sein Geschäft immer wieder neu erfinden.« – Im Wissen um die wechselvolle Geschichte seiner alteingesessenen Handelsfirma atmet diese Antwort eines jungen Bremer Unternehmers auf die Frage nach dem Selbstverständnis des Kaufmannsberufes den Wandel als entscheidendes Kriterium seines täglichen Tuns. Für ihn ergibt sich die firmenstrategische Maxime für die Zukunft aus der Quintessenz flexibler kaufmännischer Entscheidungen in Gegenwart und Vergangenheit.
Auf der Spur der Kaufleute dem politischen, wirtschaftlichen, rechtlichen und gesellschaftlichen Wandel zu folgen, durch Jahre, Jahrzehnte und manchmal auch Jahrhunderte, das ist das Ziel des Chronisten: Wie fing alles an und wie hat sich ein Unternehmen im historischen Kontext entwickelt? Gab es kritische Wendepunkte und Schicksalsschläge? Was waren die Ursachen von Erfolg und Misserfolg? Welchen Einfluss hatten Konjunkturen und Flauten, Kriege und Krisen, Unruhen und Umbrüche, Verschiebungen der Märkte und Strukturveränderungen? Zu allen Zeiten war die Existenz eines Handelsunternehmens vom kritischen Resümee vergangenen Handelns, von den adäquaten Reaktionen der Gegenwart und von den richtigen Einschätzungen für die Zukunft abhängig. Eine Firmengeschichte ist daher immer auch eine Geschichte jener Menschen, die es verstanden, das Unternehmen über die Höhen und durch die Tiefen des Zeitgeschehens zu führen. Ihrem Denken und Handeln nachzuspüren – das macht den Reiz der historischen Wirtschaftsforschung aus.
Aus den Bruchstücken der Vergangenheit und dem Wissen der Gegenwart fügt sich die Chronik eines Unternehmens als Versuch einer möglichst realitätsnahen Rekonstruktion der Firmengeschichte. Oft wird ein Teil der Geschichte in Geschichten mündlich überliefert, als wertvolles Gut vieler Bremer Familien. In Gesprächen lassen sich Erinnerungen wecken, die als einzelnes Fragment unbedeutend erscheinen mögen, im historischen Zusammenhang aber ebenso ein wichtiges Detail des Werdens der Firma darstellen können wie schriftliche Erinnerungen. Wer solchen Berichten aufmerksam folgt und die Sisyphusarbeit einer mühsamen Recherche akzeptiert, wird manchmal durch einen bislang ungehobenen Schatz belohnt. Manche vergessene Belege eines Handelslebens ruhen noch in Schränken und Kästen, Regalen und Kartons in Kellern und auf Dachböden, ungeachtet verheerender Katastrophen, wie den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges, oder in den Augen des Historikers nicht minder katastrophaler Entsorgungsaktionen. Nicht selten lassen die Dokumente, vergilbt, angesengt, gewässert, zerknüllt, mit bröselnden Kanten, Stockflecken, Fingerabdrücken und anderen Berührungspunkten längst vergangener Tage, wie auch ihre Aufbewahrungsbehälter, Metallschatullen, Körbe, Mappen, Schachteln, eine drohende Vernichtung und die glückliche Rettung erahnen. Sorgfältig gehütete Quellen zu bremischen Firmengeschichten finden sich in Archiven und Bibliotheken, vor allem im Staatsarchiv, in der Handelskammer und in der Universitätsbibliothek in Bremen, und ergänzend in anderen Beständen an anderen Orten in aller Welt. Dort wird gesammelt und verwahrt, was in Wirtschaft und Gesellschaft einen schriftlichen Niederschlag gefunden hat – von der gekritzelten Rechnung bis zum dicken, ledergebundenen Kontobuch, von der kurzen Notiz bis zum ausführlichen Protokoll, vom handschriftlichen Entwurf bis zum gesiegelten Gesellschaftervertrag, von der flüchtigen Skizze bis zum detaillierten Bauplan – und darüber hinaus ein reicher Fundus an Literatur zur Handelsgeschichte.
Über ihre Transaktionen führten die Kaufleute Buch, über Konto und Kasse, Lager und Haushalt. Zu ihren geschäftlichen Überlegungen, Haltungen und Meinungen haben sie sich aber selten schriftlich geäußert. Kaufmännische Memoiren repetieren die Geschichte der Familie und den eigenen Werdegang, der, wenn er niedergeschrieben wurde, in der Regel erfolgreich verlaufen war. Mehr oder weniger verhaltener Stolz auf die Geschichte einer traditionsreichen Firma und Familie, auf den Handel und den eigenen Besitz, lassen Traditionsbewusstsein und Gemeinschaftssinn als typische gesellschaftliche Komponenten erkennen, während das Streben nach Integration und Reputation die kaufmännischen Ideale verraten. Die unbedingte Bereitschaft zum Handeln und der Wille zum konsequenten Tun bestimmen ihr Selbstverständnis und machen die Kaufleute zu gestaltenden Kräften der Gesellschaft. Sie selbst werden am Erfolg ihrer Tätigkeit gemessen, abhängig von der persönlichen und wirtschaftlichen Kompetenz, mit der es ihnen gelingt, auf die Herausforderungen des Marktes zu reagieren.
Der Handel gleicht dem Strom der Gezeiten: Ebbe und Flut – Kaufmanns Gut. Aus diesen Worten klingt der Fatalismus der Kaufleute. Von ihnen wird erwartet, dass sie über die Freude am Gewinn nicht zum Verschwender werden und Verluste mit Gleichmut akzeptieren, weil das in einer Handlung eben vorkommt. Der Hang zum Geldverdienen, das Streben nach Gewinn und der Stolz des Tüchtigen geben ihnen das Selbstvertrauen, die Unsicherheit des kaufmännischen Handelns zu tragen. Gemeinsamteilen sie das Wagnis des Marktes, den spekulativen Charakter des kaufmännischen Betriebes und die Risiken des Handelsgeschäfts. Die ökonomische Kompetenz des einzelnen schlägt sich in einer persönlichen Bilanz nieder, die mit dem Ertrag als Leitmotiv und Maßstab des Erfolges die Aktiva und Passiva eines Kaufmannsleben saldiert. In einer Symbiose von kühler Kalkulation und kühner Kreativität spannt sich der Bogen zwischen berechenbarer Regelmäßigkeit und abenteuerlichen Wagnissen, in den Augen des Stadtgeschichtsforschers Lewis Mumford kennzeichnend für den modernen Kaufmann, oder wie der Bremer Kaufmann sagen würde: »Buten un binnen, wagen un winnen«.