Das Gedächtnis auf Papier
Von Dr. Konrad Elmshäuser, Historiker, Archivar und ehemaliger Leiter des Bremer Staatsarchivs
Archive wie das Staatsarchiv Bremen verwahren historische Dokumente – Urkunden, Briefe, Akten - als authentische Zeugnisse der Vergangenheit. Die aus der Quellenauswertung gewonnenen Kenntnisse werden zumeist in Buchform publiziert – und werden damit selbst zum Gegenstand von Erkenntnis und Erinnerung.
Das Buch steht im öffentlichen Bewusstsein für Dauer, Beständigkeit und Bewahrung. Es hat als Wissensspeicher, der die menschliche Lebenspanne überdauert und das Wissen der Menschen an zukünftige Generationen weitergeben kann, schon seit jeher neben seinem praktischen auch einen hohen symbolischen Wert gehabt. Zum Wissen um diese kulturell und gesellschaftlich wichtige Funktion des Buches kommt seine Rolle als kultischer Gegenstand, wenn es als heiliges Buch religiöse Texte enthält. Daher haben sich fast alle menschlichen Kulturkreise, in denen Tradition und Schriftlichkeit eine zentrale Rolle spielen, als Buchkulturen entwickelt.
Gemessen an seiner enormen Wertschätzung als »Gedächtnis auf Papier« gerade in der abendländischen Kultur, ist das Buch als massenhaft verbreiteter Gegenstand, als demokratisierter Wissensspeicher eigentlich ein relativ junges Phänomen. Seine frühesten Erscheinungsformen nimmt es in den Klöstern des Frühmittelalters als Codex an, in den heilige Texte Aufnahme fanden. Dies in einer barbarischen Umwelt, die weitgehend schriftlos war. Ganz anders noch in der Antike mit einer weitverbreiteten Schriftkultur, die aber wegen der Brüchigkeit des hauptsächlichen Schriftträgers Papyrus beim Einzelblatt blieb und nicht zur Bindetechnik in Lagen und Heften fand. Die Erfindung des klassischen abendländischen Buches blieb also dem Mittelalter vorbehalten, das aber statt Papyrus Pergament – zähe und zugleich geschmeidige Tierhaut – verwendete. Dabei ließen sich, ob von Lamm, Kalb oder Schwein – pro Tier kaum mehr als zwei Seiten gewinnen (Bauch- und Rücken) und das Schicksal des Buches als Luxus-gegenstand war für Jahrhunderte festgeschrieben. Erst die Erfindung der europäischen Papierherstellung in Italien, die sich von der älteren chinesischen und orientalischen dadurch unterschied, dass sie ab Mitte des 13. Jahrhunderts einen billigen Beschreibstoff massenhaft zur Verfügung stellte, brachte die Wende. Zwar wurde noch lange Zeit Pergament verwendet, doch war der Siegeszug des Papiers unaufhaltsam. Auch im Staatsarchiv Bremen ist der überwiegende Teil der mittelalterlichen Überlieferung – zumeist Urkunden – auf Pergamentblätter geschrieben, die ab Mitte des 14. Jahrhunderts vom Papier verdrängt wurden. Bücher fanden als sog. Amtsbücher vor allem dann Verwendung, wenn umfangreicher Dinge dauerhaft dokumentiert werden sollten – so beim Stadtrecht, oder immer wieder Nachträge erforderlich waren – so beim Bürgerrecht und den Steuereinnahmen. Als nach der Reformation auch in Bremen Buchdrucker ihre Arbeit aufnahmen, wurde auch hier das Buch vom exklusiven Herrschaftsinstrument zum wenn auch teuren Gebrauchsgegenstand. Eine Wissensrevolution mit den bekannten Auswirkungen war die Folge.
Auch heute befinden wir uns bezüglich der Buchkultur an einem kulturhistorischen Wendepunkt. Erstmals seit dem Mittelalter erlebt eine Generation den Wechsel des Speichermediums, mit dem wir unser Wissen zukunftssicher machen: Digitale Medien ersetzen zunehmend das Papier. Viele Buch-formen, die nur noch als Bücher bezeichnet werden, existieren schon lange nicht mehr auf Papier, sondern nur noch auf Datenträgern, so z.B. Grundbücher im Amtsgericht und Personenstandsbücher im Standesamt. Mit dem Internet haben auch private Buchnutzer bemerkt, dass papierne Überlieferung verzichtbar sein kann und spätestens Meldungen über das Ende des gedruckten Brockhaus haben klargemacht, dass dies Auswirkungen auf die Buchproduktion hat.
Hängen wir also einem sterbenden Medium an, das bald vom e-book abgelöst wird?
Wohl kaum. Ebensowenig wie das papierlose Büro wird die buchlose Bibliothek allzu schnell kommen. Sicher wird zunehmend vieles, was bisher als Buch gedruckt wurde, nur noch digital vorgehalten werden, gedruckte Auflagen werden sinken. Aber auch im Zeitalter der digitalen Revolution wird das Buch Vorteile ausspielen können: Einfache Verfügbarkeit ohne Soft- und Hardwareprobleme, zuverlässige Haltbarkeit als Langzeitspeicher, Gewähr der Nutzung unabhängig von Energie- oder Speicherproblemen und nicht zuletzt das unersetzliche haptische Erlebnis beim Blättern und Lesen in einem ansprechend gestalteten Buch, das zugleich ein kulturelles Dokument seiner Zeit ist.
Im Wettlauf mit dem e-book, das Such- und Servicefunktionen bieten wird, die das Buch nicht haben kann, kommt gerade letzterem hohe Bedeutung zu. Je sorgfältiger ein Buch handwerklich gemacht wird, je besser es grafisch gestaltet wird, desto sicherer kann es seinen ureigenen Vorteil geltend machen. Insofern muss uns um die Zukunft des Buches nicht Bange sein – noch ist die papierne Überlieferung vielfach unersetzlich. Nicht zuletzt ist die digitale Revolution vor allem eine Revolution des Wissens und diese haben noch immer Buchverbreitung und Buchgestaltung positiv beeinflusst.
Und außerdem: auch (und vielleicht gerade) elektronische Bücher werden auf Gestaltung setzen müssen, um Leser anzusprechen.