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Kataloge ordnen

Von Dr. Arie Hartog, Direktor des Gerhard-Marcks-Haus, Museum für Bildhauerei in Bremen

Kataloge ordnen. Egal ob Autoteile, Kunstwerke oder Laminatböden. Geordnet wird, um damit zu demonstrieren, dass man über diese Objekte verfügt, und wer dann verstanden hat, dass es zwischen materiellem und ideellem Besitz einen wesentlichen Unterschied gibt, versteht auch, dass es mindestens zwei Sorten von Museumskatalogen geben muss. Man zeigt, was man hat, oder man zeigt, wovon man glaubt, es gehöre zusammen. Die Mehrzahl sind Mischformen, etwa Demonstrationen davon, was man für kurze Dauer zusammen hatten durfte. Das System Kunst lebt vom Austausch und der temporären Beteiligung auf vielen Ebenen (materiell und ideell). Kataloge sind das Medium, in dem temporärer Besitz festgelegt wird. Sie sind Rückgrat und Klebstoff dieses Systems. 

Wer erinnert sich noch an die grandiosen Gemälde von Vermeer in der Retrospektive in Den Haag von 1995? Wer weiß noch, wie der Katalog aussieht? Natürlich sind Kunstkataloge auch Trophäen oder Erinnerungsstützen, aber ihre eigentliche Bedeutung entwickeln sie erst im Bücherschrank. Als Trophäe hat ein Katalog nur einen geringen Haltbarkeitswert: Scheinbar beiläufig im Raum abgelegte Kataloge erhöhen den Status des Raumbesitzers nur selten, da die Besucher meistens die gleichen besitzen. Das erklärt auch, warum der Katalog, der zur Weinflasche gekauft wurde, oft beim Altpapier landet. Aber unter »V« findet sich der Katalog von 1995 in der Bibliothek.

Als Instrument der Kunstvermittlung und Wissenschaft ist das Medium Katalog nicht zu übertreffen, und es mag fremd erscheinen, aber genau dort wird die Gestaltung wichtig. Denn wer nach vielen Jahren einen Katalog in die Hand nimmt, für den entfaltet sich ein Thema (sagen wir Vermeer), eine Zeit mit ihren typischen Stilismen (1995) und eine bestimmte Ordnung, die oft gar nicht explizit ist, die sich aber über Bilder, Format, Gliederung, Positionierung und Typografie (man nennt es auch Gestaltung) einprägt. Und während hinter dieser Ordnung Notizblöcke, Zettelkästen und hoffentlich einiges an intellektueller Energie verborgen ist, wird sie im Kunstkatalog sichtbar.

Das heißt, der Leser eines Katalogs bekommt keine virtuelle Ausstellung, sondern eine in einem Buch komprimierte These: Etwa, Vermeer war ein grandioser Maler, der eine sehr ruhige und klar gegliederte Bildsprache entwickelte, die bei aller Originalität tief in der niederländischen Kunstgeschichte verankert ist; und bestimmte Gemälde (rechte Seite und ganz groß) sind seine wichtigsten. Warum? Das kann man in der Nähe lesen, aber man versteht es auch so. Gute Gestaltung macht fundierte Wissenschaft und klare Ideen sichtbar. Auch in bunten Farben kann sie konzeptuelle Dürftigkeit nicht kaschieren, aber das ist auch nicht ihre Aufgabe.

Denken sichtbar machen und dessen Nachvollzug unterschwellig zu stimulieren, das dürfte das erste Geheimnis guter Kataloggestaltung sein. Das zweite, dafür zu sorgen, dass der Leser nie an all die Arbeit denkt, die möglicherweise dahintersteckt. Das dritte liegt in der Überbrückung zwischen dem Zeitpunkt der Herstellung und dem der Lektüre. Und da wird aus einem Katalog dann ein echtes Buch.