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Absolventenkatalog

Von Ralf Schneider, Ehemaliger Leiter der Öffentlichkeitsarbeit und Medienkommunikation der Hochschule für Künste Bremen

Irgendwie hatte man ihn schon fast erwartet – den Anruf der netten Dame aus der Deutschen Nationalbibliothek, mit leichter Verzweifelung in der Stimme: »wir brauchen den aktuellen »Diplomandenkatalog« der HfK, haben aber jetzt einen »Absolventenkatalog« bekommen – und die »Jahrbücher« der letzten Jahre fehlen uns auch noch ...«

Glücklicherweise nur ein Missverständnis, denn »Absolventenkatalog«, »Diplomandenkatalog«, »Jahrbuch« – sie alle sind Bestandteile ein und derselben Publikationsreihe, nur die Familienähnlichkeit ist auf den ersten Blick nicht so ausgeprägt. Zu den Besonderheiten einer Kunsthochschule gehört, dass die Studierenden sich alle drei Jahre für einen neuen Namen ihrer Publikation entscheiden und (selbstverständlich) jedes Jahr für ein neues Format. 10 x 15 cm oder 30 x 40 cm, mit Schuber, ohne Schuber, mit Spiralheftung, Leineneinband oder ganz puristisch – die gesamte Palette der Möglichkeiten von Buchgestaltung ist vertreten.

Aber gleichgültig, unter welchem Namen und in welchem Format, der jährlich erscheinende Band mit den Diplomarbeiten der jeweiligen Absolventinnen und Absolventen aller Studienrichtungen ist eine feste Einrichtung an der Hochschule für Künste Bremen. Auch die immer wiederkehrenden Finanzierungsprobleme haben das Traditions-Projekt bisher nicht versenken können, das 1990, also quasi mit dem Beginn der heutigen HfK, gestartet wurde. Durch ihre Kontinuität sind die Absolventenkataloge die wichtigsten Dokumente zur Geschichte der HfK geworden, sie sind das einzige Forum, in dem sich über alle Jahre das gesamte Spektrum des künstlerischen Schaffens an der Hochschule widerspiegelt: über die Arbeiten der Absolventinnen und Absolventen wie über die Gestaltung des Bandes selbst. Der erste Band von 1990 sieht in jeder Hinsicht anders aus als Band 18 aus dem Jahr 2008.

Zugleich wird in den Absolventenkatalogen ein zentraler Aspekt der Arbeitsmethoden der Hochschule für die Öffentlichkeit sichtbar. Die Produktion des Buches ist ein offizielles Lehrprojekt und wird von A bis Z von einer jährlich wechselnden Studentengruppe realisiert. Von der Bild- und Textbeschaffung über die Kooperation mit der Druckerei bis zur Herstellung einer gestalterisch und technisch ausgefeilten Druckvorlage eines Buches von etwa 160 Seiten. Eine echte Profiaufgabe unter realistischen Rahmenbedingungen, so wie sie später auch im Beruf vorgefunden werden. Der Absolventenkatalog erscheint traditionell zu den Hochschultagen im Februar, Arbeitsbeginn ist im Oktober – von da an läuft die Uhr. Für ein Projekt dieser Größenordnung sind vier Monate ein ausgesprochen eng gesteckter Zeitrahmen und in der Regel wird in der Endphase mit bewundernswertem Engagement wortwörtlich Tag und Nacht gearbeitet.

Aber welch ein fantastisches Gefühl, wenn die erste Palette mit den druckfrischen, noch eingeschweißten Katalogen geliefert wird, jeder zum ersten Mal »sein« Buch durchblättern kann – und der erste Druckfehler ins Auge springt (zuerst ein maßloses Ärgernis, bis sich herausstellt, dass die Gestalter offenbar die Einzigen sind, die ihn überhaupt bemerken); wenn der Band von den Absolventen begeistert aufgenommen wird, sie ihn voller Stolz an Freunde und Verwandte in der ganzen Welt schicken – dann wissen die Macher, dass sie wirklich etwas Bemerkenswertes in die Welt gesetzt haben. Und sie haben in allen Facetten gelernt, wie man Bücher macht!

Es ist ein kreatives Echtzeit-Projekt mit allen Höhen und Tiefen, die in solch einem Vorhaben unvermeidlich stecken. Aber gerade deswegen sind es für alle Beteiligten vier hochintensive Monate, vollgepackt mit Arbeit und Erfahrungen aller Art, vier Monate, in denen jeder unendlich viel lernt, für sich, für das weitere Studium wie für das spätere Berufsleben.

Lässt sich eine bessere Art zu studieren vorstellen?